Nach der Lektüre dieses Berichtes war ich wie vom Donner gerührt: bis zu meinem 35. Lebensjahr stand mein Leben im Zeichen des „Kalten Krieges“. Die beiden Weltmächte USA und UDSSR standen einander feindselig und unversöhnlich gegenüber: mit Atomwaffen (Pershing II und SS20) hoch gerüstet, ausreichend für einen zigfachen Overkill. Wir hatten den Nato-Doppelbeschluß und tatsächlich stand die Welt näher am Abgrund als wir alle dachten!
Diese Atombedrohung war für mich jahrzehntelang auch deshalb so real, weil unser Haus von der Gute-Hoffnungshütte (GHH) nur etwa 500 Meter entfernt lag. Die GHH war seinerzeit noch ein Stahlkonzern von Weltgeltung und so war ich überzeugt, dass eine der russischen Atomraketen auf dieses Werk im Herzen des Ruhrgebietes gerichtet war. Ein Volltreffer für die GHH hätte so auch für mich und meine Familie das Ende bedeutet.
Und nun las ich, dass dieses Szenario beinahe wahr geworden wäre, hätte es damals nicht einen gewissen Herrn Petrow, Oberst der Sowjetarmee und Chef der militärischen Abwehr, gegeben, der gerade dies verhindert hatte. Und eben dieser Mann, der durch seine Besonnenheit die Welt vor dem Untergang bewahrt hatte, sollte – laut Zeitungsbericht - nur etwa 15 Jahre später in bescheidensten Verhältnissen in einem Vorort von Moskau sein Dasein fristen!
Mich ließ der Gedanke nicht mehr los, dass ich etwas für den Mann unternehmen musste, der einen Atomkrieg verhinderte und damit die Welt rettete.
So nahm ich kurze Zeit später Kontakt mit der BILD-Zeitung auf, um die Adresse von Herrn Petrow heraus zu finden. Dabei erfuhr ich zunächst, dass die BILD-Zeitung lediglich den Bericht einer englischen Zeitung übernommen hatte, die ihrerseits einen Artikel aus einem unbekannten russischen Militärblattes übersetzt hatte. Nach etlichen Telefonaten mit Hamburg, Berlin, London und Moskau hatte ich plötzlich eine Adresse:
Stanislaw Petrow, 141195 Frjasino
u.l. 60 let SSSR
d.1, kv. 152
Wir wollen nach Moskau fliegen
Da ich wusste, dass mein Freund Helmut Höhn ein wenig Russisch konnte („für den Hausgebrauch“ wie er immer betont), habe ich ihm meine Absicht mitgeteilt, Herrn Petrow in Moskau zu besuchen. Auf meine Frage, ob er mich dahin begleiten würde, stimmte mein Freund nach einigem Zögern zu. Mein Plan war, an einem Freitag nach Moskau zu fliegen, dort im Hotel zu übernachten, am Samstagmorgen nach Frjasino zu fahren und nach einer weiteren Übernachtung in Moskau am Sonntag wieder zurück zu fliegen.
Ursprünglich geplant war die Flugroute Düsseldorf-Wien-Moskau; es kam jedoch anders: Kurz nach dem Start in Düsseldorf erhielten wir etwa über Frankfurt eine Nachricht aus dem Cockpit nach der Art „Houston, wir haben ein Problem“! Und zwar gab es eine Rauchentwicklung im Cockpit, die den Flugkapitän zur Notlandung in München zwang. Ich erinnere mich, dass ich in dieser Situation meinen Freund fragte: “…Helmut, hast du noch das 'Vater Unser' drauf?“
Mir bleibt das mulmige Gefühl unvergesslich, als wir von einer Kaskade von Feuerwehrwagen rechts und links auf dem Rollfeld eskortiert wurden. Nach der glücklichen Landung wurden wir dann innerhalb von 2 Stunden unbürokratisch auf einen Flug München-Moskau umgebucht.
In Moskau
Mit einem Taxi fuhren wir weiter ins Hotel in der Moskauer Innenstadt und übernachteten dort. Es war Oktober und sehr kalt in Moskau. Etliche Wagen von Hotelgästen, die dort Familienfeste feierten, blieben vor dem Hotel am Laufen. Bei Abstellen der Motoren wären die Wagen wohl wegen der bitteren Kälte nicht wieder angesprungen.
Am Samstagmorgen organisierte die Rezeption ein Taxi für uns. Nachdem der Fahrer uns den Preis für die Fahrt nach Frjasino (70 Kilometer einfache Fahrt) nannte, haben wir ihm gesagt, dass er von uns einen Extrabonus erhalten würde, wenn er sehr vorsichtig fährt, er bereit ist einige Stunden zu warten (wir wussten ja nicht, ob die Adresse stimmte, ob es Herrn Petrow wirklich gab, ob er zu Hause ist und ob er uns empfängt) und uns dann auch wieder gesund zurückbringen würde. (Wer einmal mit einem Moskauer Taxi gefahren ist, weiß warum wir diesen Extrabonus angeboten haben). Ich werde die Antwort des Taxifahrers nie vergessen: „Für das Geld fahre ich Euch bis Hamburg“.
In Frjasino
In dem riesigen Wohnungs-Komplex (zu Ehren des 60. Jahrestages der russischen Oktoberrevolution errichtet) angekommen, war es auch für den russischen Taxifahrer nicht leicht, die Adresse zu finden. Nach Befragung verschiedener Passanten und Herumfahren im Kreis standen wir dann vor dem Haus Nr. 1. Und kurze Zeit später vor der Wohnung 152. Es gab kein Namensschild.
Mein Freund Helmut klopfte an. Ein Mann öffnete die Tür. Ja. Wir erkannten ihn. Dies war der Mann, dessen Foto in der Bildzeitung veröffentlicht worden war. Wir stellten uns vor, fragten, ob er Stanislav Petrow wäre. Sagten, dass wir aus Deutschland gekommen seien, um ihn zu sprechen und uns zu bedanken. Er war sichtlich überrascht. Damit hatte er wohl an diesem Samstagmittag nicht gerechnet und bat uns in seine Wohnung. Es war eine sofortige herzliche Verbundenheit vorhanden. Er kochte Kaffee und wir führten ein mehrstündiges Gespräch in seiner Küche.
Wir wollten ihn nach Deutschland einladen. Herr Petrow erklärte seine grundsätzliche Bereitschaft für einen Besuch. Er kannte das Schengener Abkommen besser als wir. Aber er besaß keinen Pass und konnte Pass und Visa nur in Moskau beantragen. Es war auch ungewiss, ob er noch als Geheimnisträger galt und ausreisen durfte. Wir besprachen alle notwendigen Formalitäten in Russland und Deutschland und statteten ihn mit den notwendigen finanziellen Mitteln aus, (er erhielt damals vom russischen Staat eine monatliche Pension von 1000 Rubel und wir hatten im Hotel in der Moskauer Innenstadt für eine Tasse Kaffee 100 Rubel bezahlt) die notwendig waren, damit er nach Deutschland fliegen konnte. Zur Erinnerung an unseren Besuch entstanden folgende Fotos in seiner Wohnung und vor seinem Haus.
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